Provenienzforschung
Die Staatssammlung für Anthropologie (SAM) misst der Provenienzforschung eine wichtige Bedeutung im Umgang mit Sammlungsgut aus sensiblen und kolonialen Kontexten bei.
Entsprechend ihres hauptsächlich auf Bayern bezogenen Sammlungsauftrags umfasst die SAM nur einen geringen Bestand außereuropäischer Herkunft. Diese gelangten in der Regel nicht durch eine systematische Sammeltätigkeit der SAM in die Sammlung, sondern meist indirekt über Vorgängereinrichtungen oder durch Übernahmen aus anderen bayerischen staatlichen oder wissenschaftlichen Institutionen.
Als wissenschaftliche Institution sieht sie es als ihre Verantwortung an, die Herkunftskontexte ihrer Bestände transparent zu erforschen, historische Erwerbszusammenhänge kritisch zu beleuchten und ethische Fragestellungen aktiv in ihre Sammlungsarbeit einzubeziehen.Vor diesem Hintergrund hat die SAM bereits erste Schritte unternommen, ihre Bestände systematisch zu sichten, von den restlichen Beständen getrennt aufzubewahren und auf mögliche sensible und koloniale Kontexte hin zu überprüfen.
Ein erster Bestandscheck mit Handlungsempfehlungen wurde von dem Historiker Herrn Dr. Holger Stöcker durchgeführt. Der Erstcheck konzentrierte sich dabei auf die Identifikation von Materialgruppen und Fallkonstellationen („Case Clusters“) mit potenziell kolonialem Bezug. Die Untersuchung stützte sich auf die heute noch erhaltenen Sammlungsbestände, historische Inventare, Archivmaterialien, interne Dokumentationen sowie einschlägige Fachliteratur. Eine besondere Herausforderung ergab sich aus den erheblichen Kriegsverlusten: Große Teile der Sammlung und der zugehörigen Archivunterlagen wurden während des Zweiten Weltkriegs, insbesondere bei den Bombardierungen des Jahres 1944, zerstört. Dadurch ist eine vollständige Rekonstruktion der früheren Sammlungsbestände und ihrer möglichen kolonialen Zusammenhänge heute nur noch eingeschränkt möglich.
Der durchgefüherte Erstcheck kommt zu dem Schluss, dass zukünftige Provenienzforschung gezielte Archivrecherchen sowie vertiefende Analysen einzelner Bestandsgruppen erfordert, um Herkunftskontexte genauer zu klären und mögliche koloniale Verflechtungen differenziert aufzuarbeiten.
Leitlinien und Standards
Für den Umgang mit sensiblen, kolonialen menschlichen Beständen wurden nationale Leitlinien entwickelt, an die sich die SAM orientiert:
- „Gemeinsamen Leitlinien zum Umgang mit Kulturgütern und menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten“, Kulturstiftung der Länder (2025)
- „Leitfaden zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen“, Deutscher Museumsbund e.V.
Umfrage zu menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten in Deutschland
Einen Überblick über die unbearbeiteten menschlichen Überreste sowie über den Stand des Umgangs damit bietet die deutschlandweite Umfrage der Kontaktstelle für Kulturgüter und menschliche Überreste aus kolonialen Kontexten in Deutschland im Auftrag der Bund-Länder-AG von 2022.
Der Bericht zur „Umfrage zu menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten in Museums- und Universitätssammlungen in Deutschland“ ist hier zu finden.